Anleitung zum Unvernünftigsein – Fortsetzung – 3. Mindset

3. Mindset:
Du brauchst die Idee nicht unbedingt selber zu entwickeln. Du musst aber ihren Wert erkennen können.

Es gab mal eine Zeit, in der die Idee einer GUI vollkommen absurd erschien. Eine GUI ist eine grafische Benutzeroberfläche. Es ist der Standard, an den wir uns gewöhnt haben, wenn wir mit einem Computer arbeiten. Es ist für uns selbstverständlich, mit der Maus am Computer Dateien herumzuschieben. Oder Bilder und Filme anzusehen. Oder Texte auf dem Bildschirm genau so zu gestalten, wie sie später gedruckt aussehen.

Früher, in den 70er Jahren, war es stattdessen normal, einen Computer mit kryptischen Befehlen zu füttern. Man hatte keine Maus und keine schicke Oberfläche, dafür hatte man eine Eingabezeile. Für jeden Computerprofi war es eine klare Sache: Wer einen Computer bedienen will, der muss geheimnisvolle Befehle auswendig lernen und eintippen. Nur bei der Firma Xerox, da gab es ein Entwicklungslabor namens Xerox PARC, wo man an der revolutionären Idee einer grafischen Benutzeroberfläche arbeitete. Die „Xerox Star Workstation“ war leichter zu erlernen und zu bedienen als die damals marktüblichen Computer. Einige der besten Forscher dieser Zeit hatten das Gerät gemeinsam entwickelt. Doch den Forschern vom Xerox PARC gelang es nicht, ihre Geschäftsführung vom Nutzen der neuen Technik zu überzeugen. Xerox konnte sich nicht dazu durchringen, das Gerät auf den Markt zu bringen. Die Legende will es, dass eines Tages Steve Jobs im Xerox PARC eine Betriebsbesichtigung machte. Er sah die Workstation und dachte sofort: „So sieht die Zukunft der Computerei aus!“ Von dem Moment an stellte er seine Apple-Computer auf eine GUI um. Der Mac wurde erfunden. Andere Anbieter zogen gleich. Der Rest ist Geschichte.

Am Weltmarkt der Uhrenindustrie hatten die Schweizer Uhrenhersteller 1968 einen Marktanteil von 56%. Der Anteil am Weltmarktgewinn lag zwischen 80 und 90%. 1980, nur zwölf Jahre später, lag der Marktanteil der Schweizer bei unter 10%, der Anteil am Gewinn bei unter 20%. Was war geschehen? Die Quarzuhr wurde erfunden. Wer hat sie erfunden? Es waren nicht die Japaner, wie viele glauben. Ein Schweizer Institut erfand 1967 die Quarzuhr und bot die Idee zahlreichen Schweizer Herstellern an. Doch die Hersteller wollten nicht. Dann stellte das Institut die Uhr auf einem Stand beim Schweizer Uhrenkongress aus. Die Schweizer gingen achtlos am Stand vorbei. Die Japaner schauten einmal hin. Der Rest ist Geschichte.

Die Menschen, die eine Idee haben, sind nicht immer dieselben, die diese Idee als erstes auf die Straße bringen. Manchmal werden die Praktiker von den Theoretikern regelrecht verachtet. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Professor. Er erläuterte mir eine Theorie. Ich fragte ihn: „Wie sieht diese Theorie am konkreten Beispiel aus?“ Daraufhin erwiderte mir der Professor mit verächtlichem Gesichtsausdruck: „Das ist doch bloß eine Transferleistung!“ Er konnte oder wollte sich die Umsetzung der Theorie in die Praxis nicht vorstellen. Das erschien ihm trivial.

Ein Konzern hatte einmal ein bestimmtes Problem und holte sich einen namhaften Strategieberater, der es lösen sollte. Es kamen drei Mitarbeiter. Sie schauten sich das Unternehmen an, schrieben ein 300-seitiges Pamphlet und gingen wieder. Anschließend blätterte der Kunde lustlos im Pamphlet und war immer noch keinen Deut schlauer, wie er nun sein Problem gelöst bekam. Er holte sich eine zweite Unternehmensberatung ins Haus, die für ihre umsetzungsnahe Arbeitsweise bekannt war. Ich war damals bei dieser Beratung angestellt und wurde auf diesem Projekt eingesetzt. Wir waren mehr als 300 Berater bei einer Projektdauer von mehreren Jahren. Als das Projekt schließlich erfolgreich beendet wurde, verließ der verantwortliche Projektleiter die Unternehmensberatung. Ich traf ihn zufällig wieder auf einer Abendveranstaltung der IHK Frankfurt und fragte ihn, was er nun beruflich so mache. Seine Antwort: „Nichts. Ich verwalte mein Vermögen.” Hingegen verwaltet der oben erwähnte Professor meines Wissens noch nicht sein Vermögen. Damals habe ich eines fürs Leben gelernt: Theoretische Prinzipien gibt es viele. Der Transfer in die Praxis jedoch ist die eigentliche Herausforderung. Der Transfer ist genau der Mehrwert, für den ein Kunde gerne zu zahlen bereit ist.

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Über Stephan Meyer

Berater für national und international tätige Dienstleistungsunternehmen. Mehr erfahren... http://www.denkstelle.com
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